Der digitale Euro gilt als eines der wichtigsten Finanzprojekte der Europäischen Union – und gleichzeitig als eines der umstrittensten. Während Politik und Zentralbanken in der digitalen Zentralbankwährung eine Chance für mehr Unabhängigkeit im Zahlungsverkehr sehen, wächst die Skepsis in der Bankenbranche. Besonders aus Österreich kommt deutliche Kritik: Die Wirtschaftskammer Österreich warnt vor einem kostspieligen Großprojekt mit unklarer Nachfrage.
Digitaler Euro: Historischer Eingriff ins Finanzsystem
Die geplante Einführung würde weit über eine neue Bezahlmethode hinausgehen. Experten sprechen von einem systemischen Eingriff in das europäische Bankensystem. Neben der technischen Infrastruktur betrifft das Vorhaben zentrale Themen wie Finanzstabilität, Kreditvergabe, Datenschutz und das Vertrauen der Bevölkerung in die Währung.
Eva Landrichtinger, Geschäftsführerin der Bundessparte Bank und Versicherung, betont:
„Aus voller Überzeugung unterstützen wir das Ziel, die Resilienz Europas im Zahlungsverkehr zu sichern und seine technologische Souveränität zu stärken. Gleichzeitig muss bei einem Projekt dieser Tragweite eine sorgfältige Analyse der Geschwindigkeit vorgehen, um Vertrauen einer ohnehin kritischen Bevölkerung in die neue Zahlungsmethode zu gewinnen.“
Banken fordern: Sorgfalt vor Tempo
Ein zentraler Kritikpunkt ist der fehlende Mehrwert für Konsumenten. Sollte der digitale Euro keine klaren Vorteile bieten, drohe eine geringe Nutzung – mit weitreichenden Folgen für die europäische Zahlungsstrategie.
Landrichtinger warnt:
„Der digitale Euro kann – wenn er eingeführt wird – nur dann ein Erfolg werden, wenn er gemeinsam mit der Bankenbranche gestaltet wird – nicht an ihr vorbei.“
Die Erfahrungen aus der Euro-Einführung 2002 zeigen laut Branchenvertretern, dass sorgfältige Vorbereitung entscheidend für Akzeptanz und Vertrauen ist.
Konkurrenz zu bestehenden europäischen Zahlungslösungen
Parallel zur Digital-Euro-Debatte entwickelt sich Europas Zahlungsmarkt rasant. Mehrere privatwirtschaftliche Initiativen arbeiten bereits an grenzüberschreitenden Lösungen, die Europas Unabhängigkeit stärken sollen. Eine Kooperation nationaler Zahlungssysteme könnte bereits bis 2027 große Teile der EU abdecken.
Die Banken argumentieren daher, bestehende europäische Lösungen stärker auszubauen, statt einen möglichen Wettbewerb zwischen öffentlichem und privatem Sektor zu riskieren.
Hohe Kosten und politische Dimension
Die Einführung des digitalen Euro ist nicht nur ein technologisches, sondern auch ein politisches Projekt. Kritiker sehen erhebliche Investitionskosten und mögliche Auswirkungen auf Geschäftsbanken – etwa bei Einlagen oder Kreditvergabe. Gleichzeitig bleibt offen, ob Verbraucher tatsächlich eine digitale Zentralbankwährung wünschen.
Die Bankenbranche fordert daher mehr Zeit für Analyse und Entscheidungsfindung, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.
Entscheidung liegt letztlich bei den Bürgern
Am Ende entscheidet die Akzeptanz der Nutzer über Erfolg oder Scheitern. Verbraucher werden den digitalen Euro nur annehmen, wenn er einfach, sicher und mit klarem Nutzen verbunden ist.
Landrichtinger betont abschließend:
„Wichtig ist, dass die Wahlfreiheit des Zahlungsmittels auch in Zukunft sichergestellt ist. Österreichs Banken stehen klar dafür ein, dass Kundinnen und Kunden selbst entscheiden, wie sie zahlen möchten – ob bar, mit Karte oder digital.“