Kaum ein Thema polarisiert die Wirtschaftspolitik so sehr wie die Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer in Österreich. In Zeiten angespannter Budgets, hoher Staatsausgaben und wirtschaftlicher Unsicherheit gewinnt die Diskussion neue Dynamik.
Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) fordert angesichts der aktuellen Lage erneut die Einführung einer gerechten Vermögens- und Erbschaftssteuer. Hintergrund: Laut aktuellen OECD-Daten machen vermögensbezogene Steuern hierzulande lediglich 0,98 Prozent der gesamten Steuer- und Abgabeneinnahmen aus. Damit liegt Österreich im internationalen Vergleich auf dem viertletzten Platz der OECD-Staaten. Für den ÖGB ist das ein klares Ungleichgewicht.
ÖGB: „Die größten Vermögen dürfen nicht außen vor bleiben“
„Wenn wir über gerechte Verteilung und solide Staatsfinanzen sprechen, dürfen die größten Vermögen nicht länger außen vor bleiben“, betont ÖGB-Bundesgeschäftsführerin Helene Schuberth. Besonders große Erbschaften müssten laut Gewerkschaft stärker zur Finanzierung des Sozialstaats beitragen. „Superreiche, die Millionen und Milliarden erben, müssen endlich einen fairen Beitrag leisten – das ist eine Frage der Gerechtigkeit und der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.“
Aus Sicht des ÖGB stehen zentrale Zukunftsbereiche wie Pflege, Bildung und Klimaschutz unter Finanzierungsdruck. Gleichzeitig seien große Vermögen in Österreich vergleichsweise gering besteuert. „Während der Staat bei wichtigen öffentlichen Leistungen ums Budget ringt, bleiben große Vermögen weitgehend unbesteuert. Das ist nicht nur wirtschaftlich unvernünftig, sondern auch gesellschaftlich unfair“, so Schuberth.
Die Forderung: Eine gezielte Besteuerung hoher Vermögen und großer Erbschaften – nicht des Mittelstands.
Industriellenvereinigung warnt vor massiven Folgen
Klare Gegenposition kommt von der Industriellenvereinigung (IV). Sie lehnt neue Substanzsteuern, eine Millionärssteuer oder eine Erbschaftssteuer entschieden ab.
„Österreich hat mit rund 43 Prozent des BIP eine der höchsten Abgabenquoten Europas. Wer jetzt neue Steuern auf Betriebsvermögen einführt, gefährdet Investitionen und Arbeitsplätze. Es ist geradezu absurd angesichts der wirtschaftlichen Situation in Österreich und Europa über weitere Belastungen zu diskutieren”, betont IV-Generalsekretär Christoph Neumayer.
Gerade im industriellen Mittelstand sei Vermögen häufig im Unternehmen gebunden und diene der Finanzierung von Beschäftigung, Innovation und Investitionen. Eine zusätzliche Besteuerung könne die Eigenkapitalbasis schwächen und insbesondere Familienbetriebe unter Druck setzen.
Neumayer argumentiert zudem, dass ererbtes Vermögen in der Regel bereits mehrfach besteuert wurde – etwa durch Einkommenssteuer, Körperschaftssteuer oder Kapitalertragssteuer. Eine weitere Belastung würde aus Sicht der IV zu Wettbewerbsnachteilen führen.
Zahlen, die die Debatte befeuern
Unternehmen und Selbstständige zahlten laut IV im Jahr 2024 rund 76,7 Milliarden Euro an Steuern und Abgaben – das entspricht mehr als einem Drittel des gesamten Steueraufkommens in Österreich.
Gleichzeitig zeigt der OECD-Vergleich: Andere Industriestaaten erzielen einen deutlich höheren Anteil ihrer Einnahmen aus vermögensbezogenen Steuern. Länder wie Frankreich, Spanien oder die Schweiz setzen stärker auf entsprechende Modelle – allerdings mit sehr unterschiedlichen Ausgestaltungen.
Die zentrale Frage bleibt daher:
Wie kann Österreich soziale Fairness und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichzeitig sichern?
Zwischen Gerechtigkeit und Standortpolitik
Die Diskussion um Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer ist mehr als eine fiskalische Detailfrage. Sie berührt Grundsatzthemen wie Steuergerechtigkeit, Leistungsprinzip, Generationengerechtigkeit und Standortattraktivität. Befürworter sehen darin ein Instrument gegen wachsende Vermögensungleichheit und zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Kritiker warnen vor Kapitalabfluss, Investitionsrückgang und steigender Arbeitslosigkeit.
Klar ist: Eine mögliche Reform müsste gezielt ausgestaltet sein – mit Freibeträgen, Schonung von Betriebsvermögen oder klar definierten Bemessungsgrundlagen.
Eine Debatte mit Sprengkraft
Die Diskussion um die Vermögens- und Erbschaftssteuer wird Österreich weiter beschäftigen. Zwischen Budgetdruck, sozialer Fairness und wirtschaftlicher Stabilität ist die politische Gratwanderung anspruchsvoll.
Ob es zu einer konkreten Reform kommt, hängt von Mehrheiten und wirtschaftlicher Entwicklung ab. Sicher ist jedoch: Die Frage, wer wie viel zum Gemeinwohl beitragen soll, bleibt eines der zentralen Themen der kommenden Jahre.