Nach wochenlangen Verhandlungen gibt es nun Klarheit für eine der wichtigsten Branchen Österreichs: In der vierten Runde wurde eine Einigung für den Kollektivvertrag der Nahrungs- und Genussmittelindustrie erzielt. Der Abschluss bringt spürbare, aber maßvolle Einkommenssteigerungen – und vor allem eines: Planungssicherheit in einem wirtschaftlich herausfordernden Umfeld.
Einigung nach intensiven Verhandlungen
Gewerkschaft und Arbeitgeberseite verständigten sich auf einen neuen Kollektivvertrag für die Beschäftigten der Nahrungs- und Genussmittelindustrie. Die KV-Mindestgehälter steigen um 2,55 Prozent, gedeckelt mit maximal 150 Euro. Auch die Lehrlingseinkommen werden um 2,55 Prozent angehoben. Zusätzlich wird eine neue Freizeitoption eingeführt, die Beschäftigten künftig mehr Flexibilität ermöglichen soll.
Damit endet eine Verhandlungsphase, die von schwierigen Rahmenbedingungen geprägt war. Die Branche steht seit Monaten unter starkem wirtschaftlichem Druck – sowohl auf der Kosten- als auch auf der Absatzseite.
Hoher Kostendruck trifft auf schwache Nachfrage
„Dieser Abschluss ist ein notwendiger Kompromiss in wirtschaftlich schwierigen Zeiten“, erklärt Bernhard Hirnschrodt, zuständiger Wirtschaftsbereichssekretär der Gewerkschaft GPA. Besonders problematisch sei laut Hirnschrodt die zunehmende Marktkonzentration im Lebensmittelhandel, die die Verhandlungsmacht der Produzenten deutlich schwäche. Hinzu kommen strukturelle Veränderungen im Markt. „Die zunehmende Marktmacht großer Handelsbetriebe setzt die Herstellerseite erheblich unter Druck“, so Hirnschrodt. Vor allem im Getränkebereich machen sich laut Gewerkschaft Absatzrückgänge bemerkbar – nicht zuletzt infolge der Einführung des Pfandsystems.
Parallel dazu bleiben die Kosten hoch. Energiepreise und Rohstoffe belasten weiterhin die Kalkulation vieler Betriebe. Der neue Kollektivvertrag versucht, diese Realität abzubilden, ohne die Unternehmen zusätzlich zu überfordern.
Mehr Planbarkeit für Betriebe und Beschäftigte
Gerade in Zeiten schwankender Nachfrage und hoher Unsicherheit ist der Abschluss auch aus wirtschaftlicher Sicht relevant. Er schafft stabile Rahmenbedingungen für Unternehmen, die langfristig planen müssen, und gibt Beschäftigten zumindest einen teilweisen Ausgleich für die anhaltende Teuerung.
„Umso wichtiger ist es, dass wir mit dem nun erzielten Abschluss Planbarkeit und Sicherheit schaffen konnten“, betont Hirnschrodt. Der moderate Abschluss signalisiert, dass beide Seiten bemüht waren, einen tragfähigen Mittelweg zu finden.
Mobilisierung als Schlüsselfaktor
Ausschlaggebend für die Einigung war laut Gewerkschaft die starke Beteiligung der Beschäftigten. Betriebsversammlungen, engagierte Betriebsräte und eine hohe Mobilisierung hätten den notwendigen Druck aufgebaut, um Bewegung in die Gespräche zu bringen. „Die aktive Rolle der Betriebsrät:innen, zahlreiche Betriebsversammlungen und die starke Präsenz der Beschäftigten haben den nötigen Druck aufgebaut“, so Hirnschrodt. Der Abschluss sei damit auch ein Ergebnis innerbetrieblicher Geschlossenheit.
Bedeutung für einen zentralen Wirtschaftssektor
Die Nahrungs- und Genussmittelindustrie zählt zu den stabilsten, aber auch sensibelsten Branchen der österreichischen Wirtschaft. Sie ist stark von internationalen Rohstoffmärkten abhängig und gleichzeitig dem intensiven Preisdruck des Handels ausgesetzt. Der nun erzielte KV-Abschluss zeigt, wie schwierig es geworden ist, soziale Absicherung und wirtschaftliche Tragfähigkeit in Einklang zu bringen.
Trotz aller Herausforderungen setzt die Einigung ein wichtiges Signal: Sozialpartnerschaft funktioniert auch unter schwierigen Bedingungen – und bleibt ein zentraler Faktor für Stabilität und Verlässlichkeit am Wirtschaftsstandort Österreich.